Lean Management: Was tun bei latenter Arbeitsüberlastung?

Der Beitrag befasst sich mit der Situation von überlasteten, ausgebrannten Mitarbeitern im Unternehmen und gibt Anstöße zum besseren Umgang mit den Betroffenen – nebst Kontaktadressen.

(Norbert Hildebrandt)

Immer mehr Menschen bleiben wegen Ängsten, Depressionen oder Stresskrankheiten ihrem Arbeitsplatz fern. Sind die Arbeitsbedingungen schuld an dieser Entwicklung? Noch zögern die Unternehmen, sich mit dem Thema zu befassen. Und die Mitarbeiter sind im Umgang mit ihren erkrankten Kollegen meist hilflos.

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Psychologie Heute 03 / 2007 von:  Anne-Ev Ustorf

Katja Heimbach (Name geändert) kennt sich aus mit psychischen Krankheiten. Die junge Medizinerin absolvierte ihre Ausbildung zur Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie an einem kleinen Krankenhaus im Südwesten Deutschlands. Doch als sie vor einem Jahr ihre neue Stelle antrat, wurde sie selbst zur Patientin. Die Station, auf der Katja Heimbach ihren Dienst begann, war so unterbesetzt, dass sie den Job von zwei Ärzten machen musste. Die Verantwortung war enorm, doch Unterstützung gab es nicht: Der Chefarzt war ein Choleriker, der Katja Heimbach regelmäßig für unfähig erklärte.

Zunehmend schwanden Katja Heimbachs Selbstvertrauen und Energien, doch der Druck durchzuhalten saß ihr im Nacken. Sie hatte schon immer auf eine Karriere als Psychiaterin hingearbeitet und hatte nun große Angst, dass aus dem Traum nichts werden würde. Nachts lag sie wach und grübelte, fühlte sich unzulänglich und zweifelte, ob sie überhaupt gut genug wäre. Ich wurde immer kaputter und bekam immer mehr Druck, weil ich tatsächlich irgendwann nicht mehr arbeiten konnte , erzählt sie. Ich war in einer ganz schlimmen Abwärtsspirale gefangen und dachte irgendwann wirklich ans Ende. Katja Heimbach zog die Notbremse allerdings viel zu spät, wie sie heute sagt: Als ich den Mut hatte, Hilfe zu suchen, war mein Erschöpfungszustand längst in eine handfeste Depression übergegangen. Da half dann nur noch eine medikamentöse Therapie, eine Gesprächstherapie, eine Auszeit vom Job und die Versetzung auf eine andere Station.

Heute geht es ihr wieder gut, sie arbeitet gern und wird von Kollegen und Patienten geschätzt. Doch sie fühlt sich angreifbarer: Ich neige dazu, mich zu überlasten, und merke die Grenze zum Nicht-mehr-Machbaren oft erst, wenn ich sie bereits überschritten habe. Und manche Vorgesetzte nutzen das gnadenlos aus. Also muss ich gut auf mich aufpassen, damit mir so etwas nicht noch mal passiert. Auf jeden Fall würde ich mich nie wieder so fertig machen lassen.

Wie Katja Heimbach geht es inzwischen vielen Menschen in Deutschland. Jeder zehnte Arbeitnehmer leidet heute an einer Depression oder einem Burn-out-Syndrom, so das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart. Um ganze 69 Prozent haben die Krankschreibungen aufgrund von Depressionen, Verhaltensstörungen und Ängsten von 1997 bis 2004 zugenommen und das, obwohl die Krankenstände in Deutschland eigentlich kontinuierlich sinken. Mit acht Prozent der Krankentage stehen psychische Probleme mittlerweile an vierter Stelle, nach Muskel- und Skeletterkrankungen, Atemwegserkrankungen und Verletzungen. Und sie führen mit durchschnittlich 29,5 Krankheitstagen zu den am längsten dauernden Auszeiten: Nur Menschen mit bösartigen Tumoren fallen am Arbeitsplatz länger aus.

Angesichts dieser Entwicklung drängt sich die Frage auf, ob der rasante Anstieg psychischer Krankheiten durch die Arbeitswelt mitbedingt ist. Doch die Frage, was zuerst da war der Stress im Job oder die latente Depression , ist in vielen Fällen schwer zu beantworten. Sicher ist allerdings, dass die Arbeitswelt heute bei vielen Menschen starke Ängste und Unsicherheiten auslöst. Seit Deutschland in einer Wirtschaftskrise steckt, steigt der Druck enorm. Fast täglich werden Arbeitsplätze wegrationalisiert, und wer seinen Job los ist, weiß, dass es nicht so einfach sein wird, eine neue Anstellung zu finden. Das gilt für junge und ältere Arbeitnehmer gleichermaßen. Kaum verwunderlich also, dass 54 Prozent der deutschen Angestellten einer Umfrage der Onlinestellenbörse JobScout 24 zufolge um ihren Arbeitsplatz bangen. Und dass gut 65 Prozent der Männer und 47 Prozent der Frauen die Angst um den Job als größten Stressauslöser in ihrem Leben bezeichnen. Denn auch vermeintlich sichere Arbeitsplätze können heute durch Sparmaßnahmen, Outsourcing oder Fusionen schnell wegrationalisiert werden. Zeitverträge und gering bezahlte Praktika sind gang und gäbe, vor allem bei jüngeren Arbeitnehmern.

Der Beschäftigte hat das Gefühl, sich keine Fehler mehr erlauben zu dürfen, von Ruhepausen ganz zu schweigen. Und da Stellen eher abgebaut und eingespart als neu geschaffen werden, verteilt sich die Arbeitslast oft auf den Schultern der Übriggebliebenen. Auch unter den Kollegen steigt der Konkurrenzkampf, denn für Solidaritätsgefühle ist kaum Platz, wenn alle um ihren Job bangen. Wenn die Vorgesetzten dann noch einen unempathischen Führungsstil an den Tag legen oder unklare Aussagen in Bezug auf die wirtschaftliche Lage des Unternehmens treffen, kann der Druck für die Arbeitnehmer so hoch sein, dass sie erkranken.

Dass es einen klaren Zusammenhang zwischen arbeitsbedingtem Stress und der Entstehung psychischer Krankheiten gibt, haben zahlreiche Studien bewiesen. Peter Richter vom Institut für Arbeits-, Organisations- und Sozialpsychologie der TU Dresden zum Beispiel fand in einer Untersuchung für die DAK heraus, dass hoher Arbeitsdruck insbesondere zu einer Zunahme von Angststörungen führt, geringe Spielräume sowie fehlende soziale Unterstützung im Job hingegen die Gefahr erhöhen, an einer Depression zu erkranken. Auch permanente Unter- oder Überforderung sowie geringe Eigenverantwortung können die Entstehung psychischer Erkrankungen begünstigen. So urteilte die Weltgesundheitsorganisation schon im Jahr 2000: Stress, bedingt durch unrealistische Arbeitsanforderungen, sozial isolierende Arbeitsbedingungen, mangelhafte Mitgestaltungsmöglichkeiten, zunehmenden Zeit- und Verantwortungsdruck, ist die Hauptursache psychischer Störungen. In den letzten zehn Jahren hat der arbeitsbedingte Stress zugenommen, und seelische Befindungsstörungen unter den Beschäftigten haben sich epidemisch verbreitet.

Für die Unternehmen sind die psychischen Erkrankungen der Mitarbeiter inzwischen zu einem riesigen Kostenfaktor geworden. Nach Forschungen der Fachhochschule Köln beläuft sich der gesamtwirtschaftliche Schaden aufgrund psychischer Krankheiten in der Arbeitswelt in Deutschland mittlerweile auf 50 Milliarden Euro. Fakt ist: Krankgeschriebene Mitarbeiter verursachen durch lange Fehlzeiten Kosten im Unternehmen durch Produktivitätsausfall oder zusätzliches Personalleasing. Die Dunkelziffer des gesamtwirtschaftlichen Schadens dürfte allerdings noch höher liegen, denn auch latent depressive oder ausgebrannte Mitarbeiter sind meist weniger produktiv als gesunde. Nicht zu vergessen die vielen Frühverrentungen aufgrund psychischer Probleme: Allein sieben Prozent aller Frühverrentungen sind auf Arbeitsunfähigkeit wegen Stressschäden zurückzuführen. Mit den psychischen Krankheiten der Mitarbeiter geht den Unternehmen allerdings nicht nur Produktivität verloren, sondern auch wertvolles Know-how. Bis ein neuer Mitarbeiter eingearbeitet ist und die Ziele und Abläufe des Unternehmens kennen gelernt hat, gehen viel Zeit und Geld verloren.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich die meisten deutschen Unternehmen bislang kaum mit diesem Thema auseinander setzen. Eine Ausnahme ist die Deutsche Post. Im Jahr 2005 wurde das Unternehmen im Rahmen des Good Company Ranking als Deutschlands sozialster Arbeitgeber ausgezeichnet. Die Gesundheit der Mitarbeiter ist dem Management wichtig. Vor neun Jahren wurde unter Führung des Personalvorstands ein zentraler Arbeitskreis Gesundheit eingerichtet, der sich um die Belange der Arbeitnehmer kümmert auch um die psychischen. Der Gesundheitsdienst führt Vorsorgegespräche mit betroffenen Mitarbeitern, schult Führungskräfte in Bezug auf psychische Erkrankungen, bietet Konfliktmanagement- und Stresscoachings an und befragt regelmäßig die Mitarbeiter zu Optimierungsmöglichkeiten in ihrem Arbeitsumfeld. Der ärztliche Direktor Andreas Tautz erklärt: In unserer betrieblichen Gesundheitsförderung hingegen setzen wir auf Arbeitsplatzsicherheit, ein gutes Arbeitsklima, Respekt und Lob für gute Leistung und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung der Mitarbeiter. Arbeit kann eine wesentliche Quelle für Zufriedenheit und Gesundheit sein, und diese Atmosphäre wollen wir bei uns schaffen.

In vielen Unternehmen besteht jedoch noch ein großer Aufklärungsbedarf, wie mit psychisch erkrankten Mitarbeitern umgegangen werden sollte. Aus diesem Grund bietet die Familien-Selbsthilfe Psychiatrie e.V. zusammen mit den Betriebskrankenkassen (BKK) seit vier Jahren die Schulung Psychische Erkrankungen im Arbeitsleben an. Mittlerweile haben über 30 Unternehmen an den Schulungen teilgenommen darunter das ZDF, die niedersächsische Polizei, Beiersdorf, Opel, Siemens, Airbus, die Stadtwerke Leipzig sowie der Otto-Versand. Die psychischen Krankheiten in Deutschland nehmen dramatisch zu, aber dennoch wissen viele Betriebe sehr wenig darüber , sagt Projektleiterin Marlies Hommelsen. Wir wollen diesen Betrieben frühzeitig Hilfestellung geben und erreichen, dass die psychisch erkrankten Arbeitnehmer im Job bleiben können. Damit wollen wir vor allem der Stigmatisierung entgegenwirken. Ziel der Schulungen ist, Informationen über psychische Krankheiten und ihre Behandlungsmöglichkeiten in die Betriebe zu tragen und Berührungsängste mit dem Thema abzubauen. Darüber hinaus erklären die Referenten, wie sich seelische Erkrankungen auf die Arbeit auswirken können und welche Warnsignale zu beachten sind. Die Teilnehmer trainieren, wie sie konstruktive Gespräche mit möglicherweise erkrankten Mitarbeitern führen, in Krisensituationen reagieren und die Rückkehr eines betroffenen Mitarbeiters ins Unternehmen vorbereiten können.

Oft müssen die Referenten aber erst mal Vorurteile aus dem Weg räumen: Es gibt noch immer diese Vorstellung, dass psychisch Erkrankte nur Drückeberger oder Simulanten sind , erklärt Marlies Hommelsen. Körperliche Vorboten wie Rückenschmerzen oder Kopfschmerzen werden noch akzeptiert, aber danach heißt es dann oft: Der soll sich mal zusammenreißen.

Auslöser für die Teilnahme an den Schulungen sind oft konkrete Situationen in den Unternehmen: Mitarbeiter, die sich seltsam verhalten, Kollegen, die bereits psychisch erkrankt sind, auch Suizidversuche. Marlies Hommelsen rät den Teilnehmern immer, genau hinzuschauen, wenn ein Mitarbeiter über einen längeren Zeitraum eine Verhaltensveränderung wie Rückzug oder einen starken Leistungseinbruch zeigt: Niemand im Unternehmen darf eine Diagnose stellen. Aber es ist wichtig, denjenigen anzusprechen und darauf aufmerksam zu machen, dass sich was verändert hat. Man sollte ein gutes Gespräch führen in einer Atmosphäre von Ruhe, Respekt und Freundlichkeit und vermitteln, dass man sich Sorgen macht. Und Unterstützung anbieten, auch in der Firma, indem man vielleicht den Arbeitsplatz oder den Aufgabenbereich ändert.

Marlies Hommelsen ist froh, dass es langsam gelingt, das Thema auch in den Führungsebenen zu platzieren. Ein großes deutsches Unternehmen will im Sommer alle Führungskräfte schulen lassen. Auch die Personalabteilungen der Firmen beginnen sich für das Thema zu interessieren und nutzen mittlerweile die Beratungshotline und Onlineberatung des Vereins. Immer häufiger wenden sich auch kleine oder mittelständische Unternehmen an sie. Gerade Handwerksbetriebe, die keine betrieblichen Helfer oder Gesundheitsteams haben, wissen überhaupt nicht, wie sie mit psychisch erkrankten Mitarbeitern umgehen sollen , sagt Marlies Hommelsen. Sie kann der längerfristige Ausfall eines Mitarbeiters die Existenz kosten. Aus diesem Grund geben wir jetzt auch mit dem BKK-Bundesverband eine Broschüre heraus.

Marlies Hommelsen ist optimistisch, dass jedes Unternehmen bald die Notwendigkeit sehen wird, dem Thema psychische Erkrankungen mehr Platz einzuräumen. Schon aus finanziellen Gründen: Schließlich geht den Firmen eine Menge Geld verloren. Und der Trend wird anhalten, denn laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation stehen im Jahr 2020 auf Platz zwei und drei der Rangliste der größten Leiden der Menschheit die Depressionen und Angststörungen (siehe Heft 8/2006: Die erschöpfte Seele). Einige dieser Fälle werden dann irgendwann in der Praxis von Katja Heimbach landen. Sie ist bestens qualifiziert dafür: Ein gutes Einfühlungsvermögen für meine Patienten hatte ich auch vor meiner Depression schon , sagt die junge Ärztin. Aber durch meine eigene Erkrankung hat sich was verändert: Jetzt weiß ich genau, wie es sich anfühlt, wenn man nicht mehr am Leben sein will. Und dieses Wissen ist in meinem Beruf sehr wertvoll.

Informationen und Kontakte

Familien-Selbsthilfe Psychiatrie:
Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker
Am Michaelshof 4b, 53177 Bonn
www.bapk.de, Tel.: 0228/632646
E-Mail: bapk@psychiatrie.de

Selbsthilfeberatung zu psychischen
Erkrankungen im Arbeitsleben:
Tel.: 0180/5950951 (12 ct/Min.),
Montag, Dienstag, Donnerstag 15 19 Uhr
oder
per E-Mail an: beratung.bapk@psychiatrie.de

Die Broschüre Psychisch krank im Job. Was tun?
ist in der Reihe Praxishilfen beim BKK-Bundesverband erschienen: Sie ist erhältlich direkt beim Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker (BApK) oder über den BKK-Bundesverband, Abteilung Gesundheit, Kronprinzenstraße 6, 45128 Essen oder per E-Mail an: praevention@bkk-bv.de

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